LG verkauft seine neuen LCD-Fernseher als Micro RGB evo und Mini RGB evo. Doch gerade bei den günstigeren Modellen weicht die Technik deutlich von dem ab, was Käufer und Fachwelt bislang mit RGB-Mini-LED verbinden: Es fehlen eigene rote LED-Chips und statt einer vollflächigen Hintergrundbeleuchtung (Local Dimming) kommt nur Edge-LED zum Einsatz.
RGB Mini-LED bzw. Micro RGB ist eines der großen TV-Themen 2026. Sony, Samsung, Hisense und TCL setzen dabei auf einen Verbund aus roten, grünen und blauen LEDs, die die bislang etablierten Mini-LEDs in weißer oder blauer Farbe ersetzen. Diese können wie die Mini-LEDs lokal angesteuert werden und bereits in der lichtgebenden Ebene die Farbdarstellung beeinflussen. Das verspricht reine Farben, ein großes Farbvolumen und präziseres Local Dimming. Auch LG ist eingestiegen, allerdings mit einer Besonderheit, die wir etwas skeptisch sehen.
Nur der MRGB96 besitzt das volle RGB-Paket

Beim Spitzenmodell ist die Sache noch eindeutig. Der in Deutschland angebotene MRGB96 nutzt ein vollflächiges Micro-RGB-Backlight mit roten, grünen und blauen LEDs sowie echtem Local Dimming. Bei den günstigeren Mini-RGB-evo sieht es anders aus. LG nutzt hier eine „Tandem LED“-Konstruktion. Auf den eigenen Produktseiten steht in einer Ergänzung des Absatzes „Was bedeutet Mini RGB evo?“, dass diese Fernseher keine eigenen, rot strahlenden LED-Chips besitzen und die einzelnen Chips nicht unabhängig voneinander arbeiten. Wer jedoch nur die Produktseite überfliegt und sich eher an die großen Überschriften und einzelnen Textpassagen orientiert, kann diesen Umstand schnell überlesen. Zudem wird nicht gleich jeder verstehen, was der „fehlende rot strahlende Chip“ oder, dass die „einzelnen Chips nicht unabhängig voneinander arbeiten“ bedeutet. Die letztere Aussage ist für uns vielleicht noch schlimmer, als die fehlende rote LED.

Der MRGB9M und MRGB85 arbeiten nämlich nur mit einem Edge-LED-Backlight. Die Beleuchtung sitzt also am Rand des Panels und nicht über die gesamte Fläche verteilt dahinter. Einen praktischen Beleg liefert auch ein Test des MRGB85 von ChooseTV. Dort sitzt die Beleuchtung am unteren Bildschirmrand und arbeitet beim getesteten Gerät mit gerade einmal sechs Dimming-Zonen (1 x 6). Der Test ordnet MRGB85, MRGB86, MRGB87 und MRGB88 derselben Modellfamilie zu. Je nach Land, Größe oder Modellvariante können sich Fernseher unterscheiden. Es gibt bislang aber keinen Hinweis auf eine grundsätzlich andere Backlight-Architektur der deutschen Ableger.
Der TV kann die typischen Vorteile eines vollwertigen RGB-Mini-LED-Backlights entsprechend nur eingeschränkt ausspielen. So ist das Modell z.B. nicht so hell wie die Konkurrenzgeräte, liefert kein so umfangreiches Farbvolumen (alle Farben in allen Helligkeiten) und bei der Kontrast- und Schwarzdarstellung können die Edge-LED-TVs auch nicht zaubern.
Die Konkurrenz versteht unter RGB Mini LED etwas anderes
Bei den von uns geprüften RGB-Modellen von Sony, Samsung, Hisense und TCL konnten wir keinen vergleichbaren Edge-LED-Aufbau finden. Dort gehört die direkte, zonengesteuerte RGB-Hintergrundbeleuchtung (Local Dimming) zum eigentlichen Funktionskonzept:
| Serie | RGB-LEDs getrennt | Backlight |
| LG MRGB95 / MRGB96 | Ja | Direct / Local Dimming |
| LG MRGB9M / MRGB85 | Nein | Edge LED |
| Sony True RGB | Ja | Direct / Local Dimming |
| Samsung Micro RGB | Ja | Direct / Local Dimming |
| Hisense RGB MiniLED | Ja | Direct / Local Dimming |
| TCL RGB-Mini LED | Ja | Direct / Local Dimming |
LGs Tandem-LED-Technik kann trotzdem gute Farben liefern. Aber wenn ein Edge-LED-Fernseher ohne eigenen roten LED-Chip als „Mini RGB“ durchgeht, dürfte man, überspitzt gesagt, wohl auch Lachsschinken in der Fischtheke auslegen.
100 Prozent BT.2020 sind nicht unbedingt 100 Prozent BT.2020
Spannend wird es auch bei den beworbenen Farbwerten. LG wirbt beim MRGB96 mit „Triple 100% Color Coverage“ für BT.2020, DCI-P3 und Adobe RGB. COMPUTER BILD maß bei BT.2020 jedoch 91,82 Prozent. Wie passt das zusammen? Die Erklärung findet sich im Kleingedruckten der LG-Produktseite. Intertek zertifiziert eine „Colour Gamut Area Ratio“ was bedeutet, dass die Fläche des vom Fernseher erzeugten Farbdreiecks mindestens so groß sein muss wie die des Referenzfarbraums, diesen aber nicht vollständig deckungsgleich ausfüllen muss. LG weist selbst darauf hin, dass damit nicht jede einzelne Farbe des Standards garantiert wird.
Ein Fernseher kann also an einer Stelle über BT.2020 hinausragen, an anderer darunterbleiben und trotzdem auf 100‑Prozent-Fläche kommen. Für Kunden klingt „100 % BT.2020“ dagegen nach vollständiger Abdeckung. LG ist damit nicht allein: TCL erklärt im Kleingedruckten ebenfalls, dass sich „100 % BT.2020“ auf einen Flächenanteil beziehen. Auch Samsung spricht bei Micro RGB ausdrücklich von „100% BT.2020 color area“.
Und was sagt dann das TÜV-Siegel aus?

Hier muss man zwei Dinge auseinanderhalten. Die 100-Prozent-Angaben bestätigt Intertek. TÜV Rheinland vergibt dagegen „High Purity RGB Spectrum Display“. Das Siegel bestätigt die spektrale Trennung beziehungsweise Reinheit von Rot, Grün und Blau – nicht 100 Prozent BT.2020, Full Array oder eine bestimmte Zahl an Dimming-Zonen. Das zeigt der MRGB85 deutlich: Trotz Edge-LED, sechs gemessenen Dimming-Zonen und rund 74 Prozent BT.2020 im ChooseTV-Test trägt auch dieses Modell das TÜV-Siegel.
Das macht die Zertifizierung nicht falsch. Es zeigt aber, wie spezifisch hier das Prüfkriterium ist. Selbst ein Edge-LED-Fernseher mit nur sechs Dimming-Zonen und ohne eigenen roten LED-Chip kann das Label „High Purity RGB Spectrum Display“ erhalten. Gerade ein TÜV-Logo schafft beim Kunden Vertrauen. Wie viele Käufer erkennen aber, was genau zertifiziert wurde und was ausdrücklich nicht?
Ist „Mini RGB evo“ irreführend?
Rechtlich wollen wir das nicht beurteilen. Technisch ist die Bezeichnung aber mindestens erklärungsbedürftig. Wer „Mini RGB evo“ neben „Micro RGB evo“ liest, dürfte zunächst dieselbe Grundtechnik in günstiger erwarten. Tatsächlich fehlen wichtige hardwareseitige Fähigkeiten, die RGB Mini LED bei der Konkurrenz auszeichnen. Das Ganze wirkt dadurch zumindest teilweise wie Trittbrettfahren auf dem aktuellen RGB-Boom.
Mehr Transparenz würde LG derzeit ohnehin gut zu Gesicht stehen. Erst vor wenigen Tagen sorgte eine Untersuchung zur Datenerfassung und den Sicherheitsrisiken von LG Smart TVs im Internet für Aufsehen. Das ist ein anderes Thema, unterstreicht aber ebenfalls, wie wichtig verständliche Informationen gegenüber Käufern sind. Wie seht ihr das? Ist „Mini RGB evo“ für diese Technik noch eine gerechtfertigte Bezeichnung oder führt LG damit Käufer in die falsche Richtung? Schreibt uns eure Meinung gerne als Kommentar.

