LG Smart TVs als Abhörgerät? Sicherheitsforscher zeigen erschreckende Möglichkeiten

Kann ein moderner Smart TV zum Abhörgerät werden? Eine umfangreiche Untersuchung von Gamers Nexus zeigt, welche Daten LG-Fernseher im Hintergrund erfassen und welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn Angreifer Sicherheitslücken ausnutzen. Die Forscher konnten unter anderem Gespräche aufzeichnen, während der Fernseher keine Netzwerkverbindung hatte, und sogar einen vermeintlich ausgeschalteten TV für Audioaufnahmen nutzen.

Hinweis: Die Untersuchung bedeutet nicht, dass jeder LG‑Smart-TV akut unsicher ist oder LG seine Nutzer heimlich abhört. Für mehrere Abhör-Demonstrationen mussten die Forscher den Fernseher zuvor kompromittieren. Zudem wurden vor allem US-Geräte untersucht. In der EU gelten mit der DSGVO andere Vorgaben zur Verarbeitung personenbezogener Daten. Auch ACR ist kein reines LG-Thema, sondern wird von mehreren großen Smart-TV-Herstellern eingesetzt. Wie die Ersteller des Videos möchten wir vor allem dafür sensibilisieren, wie moderne Fernseher mit Nutzerdaten umgehen und welche Sicherheitsrisiken daraus entstehen können.

Das mehr als zwei Stunden lange Video sorgt derzeit für enorme Aufmerksamkeit. Innerhalb kürzester Zeit kam die Untersuchung bereits auf mehr als 700.000 Aufrufe und über 6.000 Kommentare (Stand: 07.09.2026 – 14 Uhr). Wer das Original selbst sehen möchte, findet das komplette Video bei YouTube in englischer Sprache. Hinter dem Video steckt Gamers Nexus, ein US-amerikanisches Portal, das sich mit sehr umfangreichen Hardwaretests und investigativen Recherchen beschäftigt. Für diese Untersuchung arbeitete die Redaktion auch mit mehreren Sicherheitsforschern zusammen. Nach eigenen Angaben stecken mehr als 500 Arbeitsstunden und Kosten von über 70.000 US-Dollar in diesem Projekt.

 

LG Smart TV durchsucht fortlaufend das lokale Netzwerk

Eine der interessantesten Entdeckungen gibt es bereits ab etwa 17:02 Minuten. Der untersuchte LG‑Smart-TV sucht fortlaufend nach anderen Geräten im lokalen Netzwerk. Dabei konnten unter anderem Gerätenamen, interne IP-Adressen, MAC-Adressen und Signalstärken erfasst werden. Im Test fand der Fernseher mindestens 38 Geräte, darunter Smartphones, Smartwatches, PCs, Server, Drucker, Netzwerk-Switches und Teile der Gebäudetechnik. Bei einem Computer wurde sogar erkannt, dass darauf TeamViewer lief. Ebenso fanden sich in den untersuchten Daten Informationen zu umliegenden WLAN-Netzen, die sich grundsätzlich auch zur Bestimmung eines Standorts verwenden lassen.

Daten, die der LG Smart TV bei der Untersuchung im lokalen Netzwerk erfasste. Dazu gehörten unter anderem IP-/MAC-Adressen, Modellbezeichnungen und Signalstärken.
Daten, die der LG Smart TV bei der Untersuchung im lokalen Netzwerk erfasste. Dazu gehörten unter anderem IP-/MAC-Adressen, Modellbezeichnungen und Signalstärken. || Screenshot: Youtube / Gamers Nexus

Privat ist das bereits nicht unbedingt eine Information, die man von seinem Fernseher erwartet. Für Unternehmen ist dieser Punkt jedoch besonders kritisch. Ein Smart-TV im Besprechungsraum ist eben kein einfacher Bildschirm, sondern ein Computer mit Netzwerkzugriff, der Informationen über andere Geräte im gleichen Netzwerk sammeln kann. Sollte es einem Angreifer gelingen, den Fernseher zu übernehmen, hätte dieser damit einen möglichen Einstiegspunkt in das Firmennetzwerk. Die Forscher sprechen unter anderem davon, einen kompromittierten TV als Zugangspunkt verwenden zu können. Smart-TVs sollten deshalb in Unternehmen möglichst nicht zusammen mit Arbeitsplatzrechnern, Servern und anderer wichtiger Infrastruktur im gleichen Netzwerksegment betrieben werden.

ACR erkennt, was ihr auf dem Fernseher schaut

Ein großer Teil der Untersuchung dreht sich um Automatic Content Recognition, kurz ACR. Einfach erklärt versucht der Fernseher, damit zu erkennen, welche Inhalte gerade auf dem Bildschirm laufen. Das können TV-Sendungen, Filme, Werbung, Apps oder Spiele sein. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob die Inhalte direkt über eine App des Fernsehers laufen. Gamers Nexus konnte ACR auch bei Material beobachten, das über HDMI zugespielt wurde. Wer einen Smart-TV beispielsweise nur als Bildschirm für einen Streaming-Player, eine Spielekonsole oder einen PC verwendet, verhindert diese Erkennung also nicht zwangsläufig.

LG kann via ACR erkennen, was gerade auf dem Fernseher läuft. Dafür werden Bild- und Audiosignale analysiert und mit bekannten Inhalten abgeglichen. Auch HDMI-Quellen können dabei berücksichtigt werden.
LG kann via ACR erkennen, was gerade auf dem Fernseher läuft. Dafür werden Bild- und Audiosignale analysiert und mit bekannten Inhalten abgeglichen. Auch HDMI-Quellen können dabei berücksichtigt werden.

LG macht aus der Verwendung solcher Daten im Werbegeschäft grundsätzlich kein Geheimnis. LG Ad Solutions beschreibt seine ACR-Technologie selbst als Möglichkeit, das Sehverhalten auf LG‑Smart-TVs auszuwerten. Besonders auffällig ist eine Aussage von Verantwortlichen von LG Ad Solutions, die Gamers Nexus mehrmals zeigt: „We own the glass. We own the TV.“  Dahinter steckt der Gedanke, dass LG sowohl den Bildschirm als auch das Betriebssystem kontrolliert und dadurch sehr genau nachvollziehen kann, was auf dem Fernseher passiert. LG Ad Solutions bietet zudem Werbung an, die sich vom TV auf andere Geräte innerhalb eines Haushalts ausweiten lässt. Damit könnten etwa Nutzer, die einen bestimmten Werbespot auf dem Fernseher gesehen haben, später auch auf Smartphone oder Tablet erneut angesprochen werden.

Die meisten Nutzer dürften ihre Datenschutzeinstellungen kaum prüfen

Problematisch ist dies deshalb, weil sich vermutlich nur ein kleiner Teil der Käufer ausführlich durch sämtliche Datenschutzoptionen arbeitet. Gamers Nexus spricht allein bei den untersuchten US-Bedingungen von mehreren Zehntausend Wörtern. Ein Nutzer müsste mehrere Stunden investieren, um wirklich alles zu lesen. In der Realität möchten die meisten Käufer ihren neuen Fernseher einrichten und anschließend Netflix, YouTube oder Prime Video starten. Entsprechend naheliegend ist es, vorgeschlagene Einstellungen zu übernehmen oder auf „Alle akzeptieren“ zu klicken.

Gamers Nexus kritisiert dabei unter anderem die Option „Do Not Sell My Personal Information“. Bei den getesteten US-Geräten befand sich diese tief in den Datenschutzmenüs und war standardmäßig nicht aktiviert. Nutzer müssen also selbst danach suchen und tätig werden. Die genaue Bezeichnung der Einstellungen unterscheidet sich je nach Land, Modell und Softwareversion. Das grundsätzliche Problem bleibt jedoch bestehen: Viele Smart-TV-Nutzer dürften ihren Fernseher mit dem Internet verbinden und anschließend verwenden, ohne sich jemals genauer mit ACR, Werbe-Tracking und den zahlreichen Datenschutzeinstellungen zu beschäftigen.

LG-TV lässt sich sogar ohne Internetverbindung zum Abhören nutzen

Die spektakulärsten Szenen des Videos beginnen ab etwa 42:16 Minuten. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Forscher bereits erweiterten Zugriff auf einen LG G5 OLED verschafft und zeigen, was ein Angreifer damit theoretisch anstellen könnte. So wird Audio aus dem Raum aufgezeichnet und anschließend die Netzwerkverbindung des Fernsehers getrennt. Die Aufnahme läuft trotzdem weiter und wird zunächst im TV gespeichert. Sobald der Fernseher wieder mit dem Netzwerk verbunden ist, lassen sich die Daten anschließend abrufen.

Der Schalter deaktiviert das integrierte Mikrofon des LG G5. Andere Audioquellen wie angeschlossene Webcams oder weitere im System verfügbare Audioeingänge können davon jedoch unberührt bleiben.
Der Schalter deaktiviert das integrierte Mikrofon des LG G5. Andere Audioquellen wie angeschlossene Webcams oder weitere im System verfügbare Audioeingänge können davon jedoch unberührt bleiben.

Das ist primär deshalb interessant, weil eine fehlende Internetverbindung häufig mit Sicherheit gleichgesetzt wird. Hat ein Angreifer einen Fernseher vorher bereits entsprechend manipuliert, könnte dieser jedoch weiterhin Daten lokal speichern. Der Fernseher muss dafür natürlich weiterhin mit Strom versorgt werden. Nur wenige Minuten später folgt ein noch eindrucksvolleres Beispiel. Ab 45:06 Minuten sieht der Fernseher für die Personen im Raum ausgeschaltet aus. Trotzdem kann im Hintergrund weiterhin Audio aufgezeichnet werden. Ein schwarzes Display bedeutet bei einem Smart TV eben nicht automatisch, dass der komplette Computer im Inneren heruntergefahren wurde. Gamers Nexus zeigt außerdem, dass ein Angreifer nicht zwingend auf das eingebaute Mikrofon angewiesen wäre. Moderne Fernseher können auch auf Mikrofone in Fernbedienungen und Webcams sowie auf Audio von HDMI-, USB- oder Bluetooth-Geräten zugreifen.

Gespräche landen teilweise sogar als lesbarer Text im Fernseher

Stephen Burke der die Untersuchung für Gamers Nexus leitete, steht rund 21 Meter vom LG Smart TV entfernt. Dieser war jedoch in der Lage, seine Gespräche in gut verständlicher Qualität aufzuzeichnen, obwohl sich das Gerät um die Ecke in einem Raum am Ende des Gangs befand.
Stephen Burke der die Untersuchung für Gamers Nexus leitete, steht rund 21 Meter vom LG Smart TV entfernt. Der Fernseher war jedoch in der Lage, seine Gespräche in gut verständlicher Qualität aufzuzeichnen, obwohl sich das Gerät um die Ecke in einem Raum am Ende des Gangs befand.

Ab etwa 46:26 Minuten zeigen die Forscher, dass Spracheingaben teilweise als Klartext in Logdateien des Fernsehers auftauchen. Dabei blieb die Spracherkennung nach einem Befehl offenbar noch einige Zeit aktiv. Solange weitere Stimmen erkannt wurden, konnten dadurch auch Teile eines anschließenden Gesprächs erfasst werden. Gamers Nexus demonstriert das absichtlich mit vermeintlich sensiblen Informationen und findet diese später als Text in den Logs wieder.

Auch die Reichweite des Mikrofons überraschte die Tester. Unter geeigneten Bedingungen konnte der Fernseher Sprache noch aus mehreren Metern Entfernung erkennen. Gamers Nexus spricht in seinen Versuchen teilweise von rund 18 bis 21 Metern. Für Unternehmen gibt es noch ein weiteres interessantes Szenario. Ab 55:24 Minuten simulieren die Tester eine Videokonferenz, bei der ein Laptop Bild und Ton über HDMI an den Fernseher überträgt. Auf einem kompromittierten TV lässt sich dieser Ton direkt abgreifen. Damit könnte theoretisch selbst eine verschlüsselte Videokonferenz mit einem abgesicherten Firmen-Notebook an einer ganz anderen Stelle belauscht werden: am Fernseher, über den die Teilnehmer den Ton wiedergeben.

ACR und Datenerfassung sind kein reines LG-Problem

LG verteilt webOS 26 trotz Ankündigung noch nicht.
Die Tests wurden allesamt mit einem LG G5 OLED-Tv vollzogen, einem der beliebtesten Premium-TVs des koreanischen Herstellers.

Bei aller Kritik an LG sollte man nicht den Eindruck gewinnen, andere Smart-TV-Hersteller würden grundsätzlich keine vergleichbaren Technologien einsetzen. ACR ist im Smart-TV-Markt weit verbreitet und wird auch von anderen Unternehmen für Werbung und die Auswertung des Sehverhaltens eingesetzt. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Fernseher anderer Marken die gleichen Sicherheitslücken besitzen oder sich genauso wie die von Gamers Nexus untersuchten LG-Geräte übernehmen lassen. Dafür müsste jeder Hersteller separat untersucht werden. Gamers Nexus möchte genau das in Zukunft tun und nennt unter anderem Samsung und Vizio als mögliche Kandidaten. Dass ACR und die damit verbundene Datenerfassung kein Alleinstellungsmerkmal von LG sind, ist bereits bekannt. Wie gut die jeweiligen Systeme gegen Angriffe geschützt sind, ist jedoch eine andere Frage.

Moderne Smart-TVs sind vollwertige Computer

Ein moderner Fernseher besteht nicht nur aus einem Panel und mehreren HDMI‑Anschlüssen. Im Hintergrund arbeitet ein Computer mit Betriebssystem, Speicher, Netzwerkverbindung, Apps, Werbediensten, Spracherkennung und teilweise mehreren Mikrofonen. Für Unternehmen sollte ein Smart TV deshalb genauso wie andere Netzwerkgeräte behandelt werden. Ein Fernseher im Konferenzraum gehört nicht selbstverständlich in das gleiche Netzwerk wie Server, PCs und andere sensible Systeme.

Auch Privatanwender sollten zumindest einmal einen Blick in die Datenschutzoptionen ihres Fernsehers werfen. Je nach Hersteller und Modell lassen sich ACR, personalisierte Werbung und weitere Tracking-Funktionen einschränken oder deaktivieren. Die Untersuchung von Gamers Nexus zeigt nicht, dass jeder LG‑Smart-TV permanent seine Besitzer abhört. Sie zeigt aber sehr deutlich, welche Daten moderne Fernseher sammeln können und welches Missbrauchspotenzial entsteht, wenn ein Angreifer Zugriff auf ein solches Gerät bekommt. Gerade weil der Smart TV im Wohnzimmer oder Büro meistens kaum als Computer wahrgenommen wird, dürfte genau darin das größte Problem liegen.

Dominic Jahn
Dominic Jahn
Couch-Streamer, TV-Umschalter & Genuss-Cineast. Am liebsten im Originalton, gerne auch in 3D! Paypal-Spende für die 4KFilme-Kaffeekasse
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