Test: Finch mit Tom Hanks auf Apple TV+: Wer braucht da noch Kino?

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Inhalt (70%)

Knapp anderthalb Jahre ist es her, dass Apple TV+ für gute 70 Mio. Dollar die Auswertungsrechte am Kriegsfilm Greyhound mit Tom Hanks von Sony Pictures erworben und den Film weltweit auf der Streaming-Plattform veröffentlicht hatte. Damals brach es Hanks noch das Herz, dass der Film (coronabedingt) nicht im Kino zu sehen war. Ob das auch für Finch gilt, der bereits 2019 abgedreht worden war und ursprünglich von Universal Pictures unter dem Titel BIOS in die Kinos kommen sollte, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass Apple auch hier ziemlich tief in die Tasche gegriffen hat, um sich die Erstverwertungsrechte zu sichern. Universal, so sagt man, habe immer noch die Rechte für eine mögliche Heimvideo-Auswertung – was abzuwarten bleibt.

Regisseur von Finch ist Miguel Sapochnik, der zwar spielfilmunerfahren ist, aber für gleich zwei Game-of-Thrones-Folgen einen Emmy einheimsen konnte. Für seine zweite Langfilmregie (nach Repo Men) hat er sich ein Endzeit-Szenario vorgeknöpft, das visuell und inhaltlich wie eine Mischung aus Nr. 5 lebt, I am Legend und Cast Away wirkt. Zwar spricht Tom Hanks hier nicht mit einem Volleyball namens Wilson, sondern mit einem selbstgebauten Androiden namens Jeff, doch die Idee aus Einsamkeit und Gesellschaft ist so anders nicht.

Finch muss einen neuen Kompagnon für seinen Hund finden

Visuell hat Sapochnik das mit seinem belgischen Kameramann Jo Willems fast ausnahmslos in verschiedenen Gegenden New Mexicos umgesetzt und durchaus beeindruckend bebildert – sieht man von ein paar wenig gelungenen CGIs ab. Aber gerade die sich aufbauenden Unwetter überzeugen und wirken ernsthaft bedrohlich.

Inszenatorisch teilt sich Finch in zwei Hälften. Beginnend mit dem Szenario im Bunker und der Fertigstellung von Roboter Jeff wechselt es nach einer halben Stunde und verwandelt sich in ein Roadmovie. Dabei wird stets die menschliche Komponente betont, auch wenn Sapochnik die asimov’sche Triade noch um eine vierte Regel (in Finchs Abwesenheit muss Roboter Wohlergehen von Hund schützen) ergänzt und damit ein kleines Augenzwinkern in Richtung Robotik entsendet. Dennoch: Hier geht’s nicht um die psychologischen Ergründung der Menschwerdung eines Roboters, sondern um Gesellschaft in einer Zeit der Einsamkeit; um die Vorsorge, einen Beschützer für einen guten Gefährten zu bekommen und um die Freundschaft zwischen Mann, Roboter und Hund.

Die Welt draußen ist praktisch unbewohnbar geworden

Das ist grundsätzlich weder sonderlich tiefgründig, noch kompliziert, aber das muss es ja auch nicht zwingend, wenn das Herz am rechten Fleck sitzt. Und das ist bei Finch durchaus der Fall. Klar, man muss über stereotype Plattitüden wie Roboter-Slapstick und Jeffs tollpatschige Versuche, in der Welt der Menschen zurecht zu kommen, hinwegsehen können. Man sollte auch nicht die Logik hinter (bspw.) der Energieversorgung suchen oder ein Problem damit haben, dass der Roboter allzu schnell ziemlich menschliche Eigenschaften entwickelt. Außerdem muss man Freund und Fan von Tom Hanks’ immer gleicher Art des gutmütigen Allerweltstypen sein.

Ist das aber der Fall, unterhält Finch wirklich gut. Gerade der Roadmovie-Aspekt erzeugt eine warmherzige Freundschaftsatmosphäre, die von Hanks souverän geschultert wird und der Witz ist an vielen Stellen schon wirklich charmant. Egal, ob man das aus zahlreichen Mensch-Android-Filmen/Serien (bspw. Star Trek: Next Generation) schon kennt. Es muss ja nicht immer der Gipfel der Originalität sein, wenn es grundsätzlich kurzweilig, unterhaltsam und bisweilen sogar durchaus spannend ist. Und wessen Herz nicht aus Stein ist, der ist bei den zaghaften Annäherungsversuchen Jeffs an Goodyear nicht nur einmal berührt.

 

Bildqualität (90%)

Leider war nicht herauszubekommen, mit welchen Kameras Finch gedreht wurde. Dass es sich um eine 4K-Produktion handelt, sollte aber unzweifelhaft sein. Denn was der Film in Close-ups an Schärfe und Auflösung zeigt, ist sensationell gut. Jeden noch so kleinen Schweißtropfen auf Hanks’ Stirn kann man ausmachen und jedes bisschen an Unebenheiten, Kratzern oder Dellen auf Jeffs orangefarbenem Kopf. Dazu ist die Bildruhe derart gut, dass man fast fürchtet, hier könnte gefiltert sein. Denn selbst die allerbesten Digitalkameras rauschen wenigstens ein bisschen. Hier aber sieht man nichts davon.

Der Apple TV+-Stream liefert exzellente Bildqualität

Dazu gesellen sich Kontraste, die von dem Dolby-Vision-Stream noch unterstützt werden und prächtige Farben zeigen (wo Farben sind), während die größtenteils sandbraune Umgebung authentisch erfasst wird. Der Schwarzwert ist hervorragend und Highlights wie Reflexionen auf Jeffs Metall-Körper kommen schön dynamisch zum Auge. Man muss schon ganz penibel suchen, um Fehler zu finden und stößt dann auf kleinere Problemchen und Unruhen, die in der Bewegung unschön auffallen (Gitterstruktur des Pflugs bei 30’57). Für einen Stream ist das aber wirklich ein ganz hervorragendes Bild, über das es praktisch nichts zu meckern gibt. Denn selbst die schwierigen diesigen Momente vor Sandstürmen werden ohne jede Neigung zu Banding wiedergegeben.

Tonqualität (80%)

Apple TV+ zieht den anderen Streamern nach wie vor oft die lange Nase. Denn wo es bei Netflix & Co. oft nur den O-Ton in Dolby Atmos gibt, kommt die Firma mit dem Apfel im Logo gerne mit 3D-Sound-Tonspur für beide Sprachen. Zwar vergibt das Sounddesign die erste Chance, diese zu nutzen, wenn Finch durch den Sandsturm läuft, dafür hört man kurz darauf im Inneren seines Helms Atemgeräusche und im Anschluss direkt Geräusche von oberhalb der Decke. Außerdem gibt’s durchaus satte Bassgewalt, wenn unser Protagonist nach etwas über fünf Minuten in seinem fetten Komatsu-Laster durch die Ruinen fährt und vor einem weiteren Sandsturm flieht. Hier hört man dann auch das fetzige Geräusch des Sturms auf den Heights, während der Score ebenfalls von oben erklingt.

Auch beim Sound macht Apple so schnell niemand was vor: Dolby Atmos für beide Sprachen

Ist Finch einmal in seinem sicheren Bunker angekommen, konzentriert sich das Geschehen gut eine halbe Stunde lang vornehmlich auf die Dialoge zwischen ihm und Jeff, was nur selten durch kurze Momente von soundlastigen Effekten unterbrochen wird. Beispielsweise während der Geräusche der Schraube bei 20’28 oder ein paar Minuten später, wenn Jeffs schwere Schritte eine Etage höher zu hören sind. Beim großen Sturm nach 38 Minuten klingen die heran nahenden Windgeräusche etwas komprimiert – wer ein 128 kbps-mp3-file am Klang erkennt, wird auch das hören.

Besser sind dann die Wirbelsounds bei 39’50, die Komprimierungsartefakte vermeiden. Richtig prägnant gelingen dann die mehrfachen Polter- und Glasflaschen-Geräusche nach etwas über 61 Minuten sowie die kurz darauf zu hörenden Fahrgeräusche des Campers – selbst wenn Letztere teils auf Ebene der Kamera und damit nicht oberhalb der Szenerie stattfinden. Gleichzeitig bleibt die reguläre Ebene stets ausgewogen und dynamisch. Surroundeffekte sind klasse, der Tiefbass hat immer wieder zu tun und wenn Jeff und Finch im Wohnmobil nach vierzig Minuten vor einem kurzen Sturm in Deckung geht, zieht man als Zuschauer auch den Kopf ein.

  • Deutsch/Englisch: Dolby Atmos (80%) 2D-Betrachtung
  • Deutsch/Englisch: Dolby Atmos (30%) 3D-Betrachtung (Quantität)
  • Deutsch/Englisch: Dolby Atmos (70%) 3D-Betrachtung (Qualität)

Bonus (10%)

Apple TV+ bietet ein kurzes, zweiminütiges Hinter-den-Kulissen als Bonusfeature.

Gesamtbewertung Finch (80%)

Finch funktioniert dank Tom Hanks’ Charme, einem glaubwürdigen Szenario und der guten Chemie zwischen Mensch, Roboter und Hund. Dass die Hauptfigur keinerlei Tiefe hat, die Story dünn wie Papier ist und Originalität auch nicht im Skript stand, mag den einen stören, während der andere sich von der flotten Inszenierung, den Gags und der tollen Musik mitreißen lässt. Apple TV+ liefert dazu ein wirklich hervorragendes Bild und einen sehr dynamischen und effektvollen Ton.

Technische Details & Ausstattung:

Erscheinungstermin: 05. November 2021 Review am: 06. November 2021
Erscheinungsjahr Film: 2021 Laufzeit: 117 Minuten
Filmstudio: Amblin Partners / Apple TV+ FSK: ab 12 Jahre
Auflösung / Bildfrequenz:
2160p @ 24p Untertitel:
Deutsch, Englisch
Bildformat:
2.39:1 / 16:9 Tonspur:
Deutsch Dolby Atmos
Englisch Dolby Atmos
High Dynamic Range:
HDR 10
Dolby Vision
Ausstattung:
Digital

Finch Trailer:

 



Der echte Filmfan bleibt im Heimkino: Das Bild ist besser, der Sound unmittelbarer und die Sitznachbarn angenehmer - Timo rezensiert seit 2002 mit Leidenschaft (fast) durch alle Genres. Aktuelle Rezensionen findest du auf blu-ray-rezensionen.net

7 KOMMENTARE

    • Du vielleicht nicht. Aber man sollte nicht immer von sich auf andere schließen! Gerade Filme wie Dune brauchen Größe um zu wirken. Nicht jeder hat daheim ein eigenes kleines Kino mit optimalen Bild und Ton. Ein billig TV mit Media Markt Soundtröte ist halt kein Ersatz für das was ein gut ausgestattetes Kino einem bietet.

  1. „Für einen Stream“ ist gut, die Qualität bei iTunes kann über ein Apple TV 4K auch mit den besten UHDs mithalten, ich kaufe dort fast nur noch Filme. Ich bin mir bewusst, dass Apple nicht arm ist, aber dadurch sind meine Lizenzen bestimmt auch noch meine letzten 30-40 Jahre auf diesem Planeten sicher und man muss es auch belohnen, wenn so vorbildliche Qualität geliefert wird.

    • Ja Apple TV+ liefert fast das Nonplusultra in puncto Streamingqualität aus. Es kommt jedoch darauf an, wie man Apple TV+ aufruft. Auf dem Apple TV 4K (1. und 2. Generation) sieht das Bild besser aus, als auf einem Fire TV 4K oder bestimmten Smart TV-Apps.

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